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08.09.2009

Die Kehrseite der Milchwirtschaft

Europas Kühe stehen wieder einmal im Mittelpunkt heißer Debatten. Der Preis für ihre Milch macht die Einkommen der Landwirte alles andere als fett. Immer mehr Betriebe steigen aus dem Markt aus.

Brüssel lässt Milchbauern abblitzen. In Paris rüsten die Produzenten zum Gegenschlag. Viele Landwirte sehen sich auch in Österreich mit dem Rücken zur Wand.

Wien - Er treibe seine Kühe mit dem Wissen auf die Weide, dass ihn die Politik nicht mehr wolle, sagt Walter Stadlober. Betriebe wie der seine sollten weggeputzt werden, keiner in der EU versuche mehr, das zu verschleiern. "Noch nie war die Situation so trostlos wie jetzt." Der Murauer Bauer hat seinen Hof vor 13 Jahren vom Vater übernommen. Dank guter Ausbildung könne er sicher einer anderen Arbeit nachgehen, erzählt er, aber er sei eben gerne Landwirt, und Nahrung zur erzeugen mache schließlich Sinn.

Zu 19 Hektar an eigenem Grünland hat er von Nachbarn, die aus der Produktion ausstiegen, weitere 20 Hektar gepachtet. 24 Milchkühe nennt er sein eigen - doch wie lange er von ihnen noch leben kann, weiß er nicht. Die kommenden Wochen entscheiden über wirtschaftliche Rahmenbedingungen, glaubt er. Bleibe alles wie es ist, müsse er seinen Betrieb in Frage stellen.

Für den Liter Biomilch erhält er derzeit netto 33 Cent. Um die Produktionskosten zu decken, benötige er 48 Cent. Insgesamt werde er heuer um 23.000 Euro weniger verdienen als im Vorjahr. Das bei höheren Futter- und Spritkosten. Drei Mechanikerstunden für den Traktor kosteten ihm rund tausend Liter Milch, für eine neue Maschine hat er das Sparbuch geplündert.

Das aktuelle Agrarsystem mache Bauern wie ihn zu Verlierern, sagt Stadlober, so sehr er sich auch bemühe, seine Landwirtschaft wirtschaftlich vorwärts zu bringen.

Die EU-Agrarministerin sind mit den Bemühungen um eine europäische Lösung für Milchbauern gescheitert. Die Kommission hat Forderungen nach zusätzlichen Subventionen für Bauern ebenso abgelehnt wie ein Einfrieren der Milchquote. Ernst Halbmayr spricht von einem Schockzustand, in dem sich die Erzeuger wiederfänden, es fehle von nun an jegliche Perspektive.

Der Landwirt rief die Bauern unter dem Dach der IG Milch im Juni 2008 zum Lieferboykott auf, heute ist er Vorstandsmitglied des European Milk Board. Mit Verhandlungen sei nichts mehr zu erreichen, meint er. Jedes Land müsse für sich entscheiden, wie es reagiere. Die Weichen werden am Donnerstag in Paris beim Treffen der Milcherzeugerverbände gelegt. "In Frankreich ist die Situation am Explodieren."

Kurzer Höhenflug

2007 war die Welt für die Bauern noch in Ordnung. Teure Rohstoffe trieben die Einkommen im Schnitt in Österreich um mehr als 14 Prozent nach oben. Seit 2008 ist damit Schluss. Heuer haben Milcherzeuger 20 Prozent des Umsatzes verloren, rechnet Franz Sinabell, Experte des Wirtschaftsforschungsinstituts, vor. Die Schere zwischen Kosten und Einnahmen gehe auf.

Die Preise für landwirtschaftliche Produkte stiegen von 1995 bis April 2009 um 4,8 Prozent - Güter, die Bauern zukaufen mussten, verteuerten sich zugleich um 36 Prozent. Direktzahlungen der EU, die Förderungen für Bergbauern und Biobetriebe blieben stabil. Der Anteil staatlicher Agrarhilfen bei den Bauerneinkommen liegt in der EU laut OECD bei rund 25 Prozent.

Auch heuer würden einige tausend Milchbetriebe die Produktion aufgeben, sagt Sinabell. Bei vielen Betrieben gebe es freilich Potenzial für höhere Effizienz. Das sei aber mit Investitionen verbunden, vor denen die meisten wegen des unsicheren Marktes zurück schreckten.

Österreichs Milchabsatz ist heuer um ein Prozent gesunken. Molkereien bezweifeln, dass die Erzeugerpreise erneut steigen. Viele Verarbeiter fahren selbst Verluste ein.

Verena Kainrath, DER STANDARD, Printausgabe, 9.9.2009


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