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08.09.2009

Milch und Macht

Edle Tropfen. Mancher Bauer flieht vor dem Druck der Hochleistungsmilchwirtschaft.

Die EU schafft die Milchquote ab und macht Druck auf die Bauern: Investiert! Also expandieren die einen immer mehr, aber andere geben auf: ihren Hof, oder im schlimmsten Fall ihr Leben.

Es war ein Morgen im April, ein Morgen wie jeder andere auch. Die Luft über Nordfriesland roch nach Meer. Bauer Jürgen Jacobsen stand zeitig auf. Er frühstückte mit der Frau und den beiden Kindern. Dann verabschiedete er sich und ging zum Stall zu den Kühen.

So wie hunderttausende Milchbauern auch. Sie stehen früh auf, melken und füttern die Tiere, ernten bis spät in die Nacht Heu und kämpfen mit Regen und Sturm. Doch reicht das alles nicht mehr.

Als sich Jürgen Jacobsen verabschiedete, hat sich seine Frau gewundert. Seine Stimme klang anders als sonst. Auch in den Tagen zuvor hatte er anders gewirkt, abwesend, mehr mit sich selbst beschäftigt als sonst. Es ließ sie nicht los. Sie rief ihn auf dem Handy an. Ist alles in Ordnung? Er beruhigte sie. Alles bestens.

Dann schaltete er die Melkanlage an und erhängte sich.

Jürgen Jacobsen war 40 Jahre alt. Er hinterließ einen Abschiedsbrief. In dem steht, dass er angesichts der wirtschaftlichen Not keinen Ausweg gesehen habe.

Sein Tod hat die Bauern im Land schockiert. Denn sein Leben ist ihr Leben. Und sein Tod könnte ihrer sein.

Die Lebensmittelpreise sind niedrig wie lange nicht mehr, die Bauern bekommen 18 Cent für den Liter Milch, den sie bei den Molkereien abliefern. 40 Cent, sagen sie, müssten es sein, damit sie verdienen können. Experten sagen: Bleibt der Milchpreis so niedrig, muss in den nächsten drei Jahren ein Drittel der Höfe schließen, vielleicht sogar die Hälfte.

Es geht in der Welt der Milchwirtschaft, zu der auch Butter, Käse, Joghurt, Milchpulver gehören, etwas zu Ende. Jahrzehntelang hat die Europäische Union Milchbauern vor dem Weltmarkt geschützt. In den 70er Jahren kaufte sie ihnen die Milch ab, die sie herstellten, egal, wie viel gebraucht wurde. Es kam zu Milchseen und Butterbergen. Um die dann wieder auszutrocknen, abzuschmelzen, ersannen die Bürokraten der EU in Brüssel die Milchquote: eine festgesetzte Menge, die produziert werden durfte, gemessen an der Zahl der Kühe, die 1984 im Stall standen, und am damaligen Bedarf der Konsumenten.

Diese Quoten sind heute selber Ware. Schließt ein Bauer seinen Hof, kann der Nachbar dessen Quote kaufen. Quoten konnten auch angeheiratet, geleast und gepachtet werden. Heute werden sie dreimal im Jahr an sieben deutschen Milchbörsen gehandelt. Und es ist inzwischen allen klar: So wird man die Milchproduktion nie an den Bedarf anpassen. Deshalb soll die Quote 2015 abgeschafft werden. Die Milchbauern, wie vor ihnen schon die Getreidebauern, die Viehzüchter und die Fischer, werden es zu tun bekommen mit Angebot und Nachfrage, sie werden Teil des Marktes.

Was das bedeutet, spüren sie schon. Einige sind dafür nicht robust genug, die geben auf, ihren Hof – 1970 existierten 32 000 Höfe in Schleswig-Holstein, jetzt sind es 5000 – oder im schlimmsten Fall ihr Leben. Andere probieren etwas Neues. Und wieder andere wollen kämpfen, jetzt erst recht.

Thomas Schneekloth ist einer von den Kämpfern. Sein Hof liegt in Barsbek, es sind nur ein paar Kilometer zur Kieler Bucht. Jahrhundertealte Bauernkaten säumen die Straße. Ihre reetgedeckten Dächer ziehen sich tief hinunter über den roten Backstein, als wollten sie die Bewohner schützen. In einem solchen Haus wohnt Familie Schneekloth. Die Wände in den Stuben sind mit Holz getäfelt und mit Delfter Kacheln geschmückt. An einem Balken ist die Jahreszahl 1799 eingeschnitzt. Seit 13 Generationen sind die Schneekloths Milchbauern. 13 Generationen, das ist ein stolzes Erbe, aber auch eine unerhörte Last.

Thomas Schneekloth, 39, die blonden Haare akkurat gescheitelt, übernahm 120 Kühe von seinen Eltern, jetzt hat er 400. Marke: Holstein, schwarz-weiß gefleckt, in den Ohren stecken gelbe Marken mit Nummern, über die Nummern wird Buch geführt. 7800 Liter Milch muss jede im Jahr bringen. Wenn nicht, kommt sie zum Schlachter.

Den Stall hat Schneekloth 1998 gebaut und danach zweimal erweitert. Eine Produktionshalle, hoch, hell, sauber, kühl. Hier stehen sie in Reih und Glied, die Holsteiner, 200 rechts, 200 links, durch Metallstangen getrennt. Sie bekommen zweimal am Tag zu festen Uhrzeiten eine genau berechnete, exakt zusammengesetzte Futtermenge. Zweimal am Tag wird auch gemolken.

Weide? Niemals. Da kann Schneekloth nicht kontrollieren, was sie fressen, das wäre ineffizient. Die Tiere haben keine Hörner, damit mehr von ihnen in den Stall passen. Milchkühen werden schon als Kalb die Stellen verödet, an denen Hörner wachsen würden.

Thomas Schneekloth schreitet in Wandersandalen an den Kühen vorbei, der Unternehmer in seinem Hochleistungsbetrieb. Er hat Geld geliehen und investiert, weil sich nach der Quotenabschaffung nur die Großen im Markt behaupten werden. So haben es die Liberalisierer der Europäischen Union und der Deutsche Bauernverband empfohlen.

„Bei 200 Kühen dachte ich, jetzt bin ich gut dabei“, sagt Schneekloth und breitet die Arme aus. Bei 300 dachte er, jetzt kann nichts mehr schiefgehen. Jetzt hat er 400 und Existenzangst. Er steckt die Hände in die Jeans. Die Halle muss abbezahlt werden, egal, wie viele Kühe darin stehen, egal, wo der Milchpreis liegt.

Zurück in der geräumigen Bauernkate fällt er in einen schweren Ledersessel, greift zum Tisch, nach Papieren: der Bilanz des vergangenen Wirtschaftsjahres. 3,1 Millionen Liter hat Schneekloth seiner Molkerei geliefert. 18 Cent bekommt er pro Liter; 36 bräuchte er, um die Kosten zu decken: für drei Angestellte, Futter, Medikamente, Maschinen, Versicherungen, Zinsen. Mit jedem Liter macht er im Moment minus. Anderen Bauern gehe es schlechter, sagt Schneekloth, um über den Winter zu kommen, hat er einen Kredit über 200 000 Euro aufgenommen und einen Mitarbeiter entlassen.

„Ich bin im Prinzip gut aufgestellt.“ Daran hält er sich fest wie an dem Papier in seiner Hand. „Wenn ich immer nur an die Schulden denken würde, dann würde ich auch an der Stalldecke enden.“

100 Liter Milch trinken die Deutschen im Jahr – wenn es ihnen gut geht. Ist Krise, sinkt der Verbrauch. Jetzt ist Krise, doch die EU-Kommission hat gerade erst 2008 die Milchquote erhöht, um die Bauern auf die Konfrontation mit dem Weltmarkt 2015 vorzubereiten. Damit sie mehr Kühe kaufen, Höfe vergrößern können. Das haben viele auch getan, sodass jetzt, in der Krise, viel Milch auf dem Markt ist. Zu viel. Und der Preis fällt.

Es sind die Handelsketten, die über die Preise bestimmen. Oft schreiten die Discounter voran. Die wollen Milch billig einkaufen, aber vor allem wollen sie: Milch billig verkaufen. Milch gilt als Gefühlsbarometer. Ist sie günstig, wird mehr Brot, Marmelade, Wurst verkauft. Die Handelsketten verdienen also an billiger Milch durchaus auch über Umwege.

Trotzdem erzeugen sie einen großen Preisdruck. Der erreicht ihre Konkurrenz – und die Molkereien, und die geben ihn an die Bauern weiter.

Schneekloth gerät darüber in Wut. Brüssel müsste nur die Milchquote senken, die Bauern würden weniger produzieren, der Preis würde steigen. Wäre einfacher als Banken zu retten, sagt er. Manche Bauern träumen von einer Milch-Opec, einem Zusammenschluss der Erzeuger, die dann die Preise bestimmen. Aber Milch gibt es eben überall, wo Kühe sind. Sie hat nichts Exklusives.

Im Juni ist Schneekloth mit tausend anderen Bauern mit dem Traktor nach Brüssel gefahren, hat dort demonstriert, am Tag, an dem das neue europäische Parlament zum ersten Mal zusammentrat. 73 Stunden hat die Fahrerei gedauert. „Steh’ auf, wenn du ein Bauer bist“, haben sie gesungen. Wie sie den Verkehr lahmgelegt haben, das hat gut getan.

Und auch jemand anderes hat im Juni etwas lahmgelegt. Unter Tränen damals, aber inzwischen glaubt auch er, dass es ihm gutgetan hat.

Der 9. Juni war der Tag, an dem Roland Thomsen, 41, Sohn, Enkel, Urenkel, Ururenkel von Bauern aus Norstedt bei Husum, aufhörte, Bauer zu sein. Der Tag, an dem er seinen eigenen Sohn um eine vorgeformte Laufbahn brachte, indem er mit der uralten Tradition der Familie brach, und er hätte das vielleicht nicht gewagt, wäre sein eigener Vater nicht schon tot.

Um 10 Uhr an jenem Junitag holte der Viehhändler seine 53 Kühe ab. Der NDR war da und filmte das Ende einer Milchbauernexistenz. Filmte, wie der Landwirt die Stalltür ein letztes Mal öffnet, wie die schwarz-weiß gefleckten Holsteiner heraustraben, wie er die Tür hinter ihnen schließt. Filmte auch, wie Thomsen weint. Furchtbar sei das alles, sagt der zur Kamera, er habe doch sein ganzes Leben mit den Tieren verbracht.

Im Jahr zuvor noch wollte er einen neuen Stall bauen, für 400 000 Euro. Mit der Bank war alles besprochen. „Expandieren, investieren, das ganze Zeug. Das wollen alle hier”, sagt Thomsen. Wird einem eingeredet von klein auf. So hatte es auch Jürgen Jacobsen gemacht: einen neuen Stall gebaut, eine neue Melkanlage angeschafft. Jürgen Jacobsen aus dem Nachbardorf, der dann tot im Stall hing.

„Der Markt bietet keine Ruhe, er bietet Chancen“, stand im Juni im Schleswig-Holsteiner „Bauernblatt“, der Hauszeitung des Bauernverbandes. Und: „Wer Sicherheit braucht, sollte woanders suchen.“

Thomsen sagt, er habe gemerkt: So wirst du nie frei sein. Die Abhängigkeit von der Quote, vom Milchpreis, das Minus, das von Monat zu Monat wächst. Er sagte der Bank ab.

Nun kann er von den Annehmlichkeiten des Nicht-Bauerseins berichten: Nicht mehr um sechs Uhr aufstehen, sondern erst um halb acht zum Beispiel. Und die Wochenenden frei. Und dass Urlaub möglich ist mit der Frau und den fünf Kindern. Das, was Thomsen jetzt macht, um Geld zu verdienen – er baut Spielzeug-Traktoren und vertreibt Lebensmittel vom Hof übers Internet –, kann Unterbrechungen ertragen.

Eine andere Exitstrategie aus dem Hochleistungsmilchherstellungsbetrieb hat Johannes Tams gefunden. Er macht Bio. Seine 90 Kühe grasen von früh bis 16 Uhr auf der Weide. Auch wenn es warm ist und die Tiere weniger fressen, als sie es im Stall täten, und deshalb am Abend weniger Milch geben werden. Aber darauf kommt es Johannes Tams nicht an. 18 Jahre lang war er konventioneller Landwirt. Aber die Ideologie des „immer größer, immer schneller“ ging ihm von Jahr zur Jahr mehr auf die Nerven. „Jeden Tag die Lebensmittelbörsen im Auge behalten, wann kaufe ich Soja ein, wann Weizen, wo kann ich einsparen, welche Kuh muss weg, diesen ganzen Stress wollte ich nicht mehr.“ Er zog sich in die Bio-Nische zurück, ist noch in der Übergangsphase. Das heißt: Er produziert schon teuer, nach den Anforderungen der Biomilchviehhaltung – große Boxen, Auslauf, gentechnikfreies Futter –, bezahlt wird er aber noch konventionell, also mit 18 Cent pro Liter. Noch ein Jahr muss er durchhalten, dann ist er voll auf Bio. Um das monatliche Minus zu verkleinern, hat er 30 Kühe verkauft. Das Loch auf dem Konto macht ihm natürlich Sorgen, aber es sei befriedigend, etwas richtig Gutes herzustellen für Menschen, die das auch schätzen.

Und es soll sich lohnen: Ein Bio-Bauer bekommt auch jetzt in der Krise von der Molkerei noch 34 bis 38 Cent für den Liter. Und ist damit zufrieden. Und das, obwohl die konventionellen Bauern 40 Cent fordern.

„Mag sein, dass wir bescheidener sind“, sagt Tams. Die anderen hätten ja schon 2008 laut geschrien, hätten demonstriert und seien nach Berlin gefahren, als sie noch 30 und 35 Cent für ihren Liter bekamen. Damit hätten die Bauern sich geschadet, sagt Tams, so machten sie sich unglaubwürdig.

Johannes Tams spricht lieber mit seinen Kühen als mit den Bauernfunktionären. Er habe auch gar keine Zeit für solche Aktionen. Sein Leben ist nicht ruhiger geworden. Längst müsste er an diesem Vormittag zurück auf dem Acker sein und Gras aussäen. Aber nun schlendert er über die Weide, schaut nach den Kühen, nach der Tränke und wie es den Kleepflänzchen geht.

Er sagt: „Ich bin kein Rohstoff-Lieferant mehr.“ Das sei ein gutes Gefühl. Noch ist es ein seltenes.

Vor einem Monat hat sich ein zweiter Milchbauer in Schleswig-Holstein das Leben genommen. Er hat sich erschossen. Die Witwe sagt: Es geschah aus wirtschaftlicher Not.

(Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 18.08.2009)
www.tagesspiegel.de


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