Liebe Bäuerinnen und Bauern, liebe Interessierte,

seit vielen Jahren ist die europäische Landwirtschaft mit einem zunehmenden und sehr besorgniserregenden Problem konfrontiert: der Alterung der Bäuerinnen und Bauern und der landwirtschaftlichen Arbeitskräfte. Bei oberflächlicher Betrachtung mag man dies für den natürlichen Lauf der Dinge halten und annehmen, dass die Marktwirtschaft das Ungleichgewicht richten wird. Diese Betrachtung unterschätzt jedoch, wie ernst die Lage ist und welche langfristigen Risiken sie für die Gesellschaft birgt. Unsere Landwirtinnen und -wirte stellen unsere Nahrungsmittel her – ein Grundbedarf, der für den Fortbestand des Lebens und der Gesellschaft unerlässlich ist.

Das European Milk Board (EMB) weist seit langem daraufhin, dass eine umfassende Reform der Agrarpolitiken notwendig ist, vor allem was eine gerechte Bezahlung landwirtschaftlicher Erzeugnisse angeht. Das aktuelle System, das sehr stark von Subventionen abhängig ist, bietet der nächsten Generation keine echten Perspektiven. Die schlechten finanziellen Aussichten schrecken junge Menschen ab, den Beruf des Landwirts zu wählen. Wenn man in der Landwirtschaft keinen existenzsichernden Lohn verdienen, eine Familie ernähren und sich eine Zukunft aufbauen kann, ist der Sektor nicht attraktiv. Das ist nicht nur ein Problem für einzelne Betriebe oder ländliche Gemeinden, sondern eine drängende Frage nationaler Sicherheit in ganz Europa.

Daher fordert das EMB die Europäische Kommission nachdrücklich auf, mit uns gemeinsam an der Entwicklung eines nachhaltigen landwirtschaftlichen Rahmens zu arbeiten, der faire Margen für uns ErzeugerInnen gewährleistet. Es muss ein Marktumfeld geschaffen werden, in dem Landwirtinnen und -wirte auf dem Markt ein würdiges Einkommen erzielen können, anstatt von unvorhersehbaren und oft unzureichenden Subventionen abzuhängen. Ein planbares, faires Einkommen ist unerlässlich, um junge Menschen für die Landwirtschaft zu interessieren und die Tragfähigkeit des Sektors langfristig zu gewährleisten.

Wenn wir jetzt nicht entschlossen handeln, riskieren wir die unumkehrbare Erosion des Agrarsektors. Das würde nicht nur zu einem Rückgang der Nahrungsmittelerzeugung in Europa, sondern auch zu einer allgemeinen internationalen Nahrungskrise führen. Die Folgen einer solchen Krise wären schwerwiegend und würden die Nahrungsmittelsicherheit, die wirtschaftliche Stabilität und das Wohl von Millionen Menschen betreffen. Nur eine umfassende und faire Agrarpolitik kann die Zukunft für die Landwirtinnen und -wirte sichern und so gewährleisten, dass die nächste Generation die wichtige Aufgabe, die europäische Bevölkerung zu ernähren, weiterführen kann und will.

Foto: Lita Millere, Lettische Presseagentur (LETA)

 

Guntis Gūtmanis, Vorsitzender von LOSP (Lauksaimniecības organizāciju sadarbības padome), EMB-Vorstandsmitglied

Keine Überraschung: Aktuelle Ermittlung der EU-Erzeugungskosten im Milchsektor für 2023 zeigt wieder Kostenunterdeckung

© EMB

Im Zusammenhang mit einer fairen Position der ErzeugerInnen in der Wertschöpfungskette spielt Transparenz bei Kosten und Preisen eine sehr große Rolle. Gerade erst hat die Beobachtungsstelle für die Agrar- und Lebensmittelkette (AFCO) ihr erstes Treffen abgehalten, um genau diese Transparenz (hoffentlich) auf den Weg zu bringen. Die Methoden dafür existieren bereits im Milchsektor. So kalkuliert das Büro für Agrarsoziologie und Landwirtschaft (BAL) die aktuellen Kosten und Preise schon seit vielen Jahren nach einer repräsentativen Methode. Soeben wurden die aktuellen EU-Zahlen veröffentlicht: Im Fünfjahresdurchschnitt decken die Preise nur 88 Prozent der Produktionskosten.

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ICMSA lehnt von der Leyens ‚neue‘ Agrarstrategie ab, solange das Grundproblem nicht gelöst wird

© ICMSA

Dennis Drennan, der Vorsitzende des irischen Milchviehhalterverbands ICMSA, hat erklärt, dass die Äußerungen von Ursula von der Leyen zu einer ‚neuen europäischen Strategie für unseren Agrar- und Nahrungsmittelsektor‘ erst dann ernst zu nehmen seien, wenn die Kommission sich endlich entschließe, entweder die Verteilung der Margen entlang der Lieferkette im Nahrungsmittelsektor grundlegend zu reformieren oder die Direktzahlungen an die Landwirte zu erhöhen, ohne diese an kostenintensive ökologische Bedingungen zu knüpfen. Die Kommission beweise „lähmende politische Feigheit”.

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ErzeugerInnen in der Wertschöpfungskette stärken

© AbL

Am 17. Juli 2024 hat die EU-Kommission mit der Einrichtung der EU-Beobachtungsstelle für die Agrar- und Lebensmittelkette begonnen. Beim ersten Treffen der Mitgliedstaaten, des EU-Parlaments und diverser Verbände wurde deutlich, dass die EU-Kommission und auch einige Vorreiter-Mitgliedsländer wie Frankreich, Spanien und Belgien ein ernsthaftes Interesse haben, die ErzeugerInnen in der Wertschöpfungskette zu stärken. Eine Vertragspflicht vor Lieferung, um die Milchversorgung zu sichern, hat europäischen Rückenwind.

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Ein angeblich neuer Butterberg in der Schweiz: Wer profitiert davon?

© Pixabay: Jacqueline Macou

Uniterre hat die Butterimporte der letzten Jahre scharf kritisiert. Zu Recht! Es darf nicht sein, dass die MilchproduzentInnen die schlechte Verwaltung der Branchenorganisation Milch (BO Milch) über eine Reduzierung des Milchpreises und die Erhöhung des Anteils an B-Milch mittragen müssen, wie Stefan Kohler (BO Milch) ausführt.

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Schweiz: Fehleinschätzung hat schwerwiegende Konsequenzen

© BIG-M

Der größte Milchpulverhersteller der Schweiz, die Firma Hochdorf, verkauft ihr operatives Geschäft an ein Private-Equity-Unternehmen. Die Muttergesellschaft geht in die Nachlassstundung. Der Hauptgrund: eine Fehleinschätzung zum Zeitpunkt des Ausstiegs aus der Milchquote 2009.

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Aktionen zum Deutschen Raiffeisentag und zu Artikel 148 GMO

© BDM

Beim zweitägigen Deutschen Raiffeisentag 2024 wurde Mitte Juni in Berlin ausgiebig über die Zukunftsperspektiven für Deutschland und die Landwirtschaft gesprochen, u. a. mit dem CDU-Vorsitzenden Friedrich Merz und unter der These, dass die „Kultur der Zusammenarbeit zwischen Wirtschaft und Politik nicht (mehr) funktioniert“.

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Lettische Bauern am Limit: Guntis Gūtmanis spricht über künftige Herausforderungen und unlautere Handelspraktiken

© Pixabay: Jorono

Während sich die lettischen Bäuerinnen und Bauern auf harte Haushaltsverhandlungen im Herbst einstellen, warnt Guntis Gūtmanis vom Kooperationsrat der lettischen Agrarorganisationen (LOSP) vor womöglich heftigen Unruhen, sollte die staatliche Unterstützung ausbleiben. Gūtmanis betont, dass alle sehr wohl verstehen, wie angespannt die Haushaltslage ist und die Verbände daher keine Erhöhung fordern. Sollte die aktuelle Unterstützung der Landwirtinnen und -wirte jedoch gekürzt werden, gehen die „Bauern auf die Straße, dann stürmen sie das Finanzministerium“. Die Botschaft von LOSP: „Provoziert die Landwirte nicht!“

In einem exklusiven Interview mit der lettischen Nachrichtenagentur LETA beleuchtet Guntis Gūtmanis, Vorstandsvorsitzender von LOSP, die anhaltenden Kämpfe im Milchsektor, die unfairen Preise für Bioprodukte und die beunruhigenden Preisaufschläge des Einzelhandels auf einheimische Agrarerzeugnisse, die deren Wettbewerbsfähigkeit gefährden. Den lettischen Landwirtinnen und -wirten steht während der Haushaltsverhandlungen im Herbst ihre härteste Schlacht bevor. Bereits im letzten Jahr hatten sie bei ihren Protestaktionen sechs Forderungen formuliert, die die Regierung aus ihrer Sicht erfüllen muss.

Im letzten Jahr wurde bekannt, dass die Milchviehhaltung große Probleme hat, zum einen wegen des fehlenden Futters und zum anderen aufgrund der geringen Erzeugerpreise. Haben sich die Betriebe in diesem Jahr erholt?

Nein. Der Milchpreis stagniert schon seit langer Zeit und wir bewegen uns in einer Spanne um den Selbstkostenpreis herum. Während unser durchschnittlicher Milchpreis bei etwa 39 Cent pro Liter liegt, werden in anderen europäischen Ländern im Schnitt 46 Cent pro Liter gezahlt, obwohl wir ähnliche Kosten haben. Die Situation ist auf Dauer nicht tragbar. Lettland ist eine Ausnahme: Nur in Lettland und Rumänien wird für Biomilch weniger gezahlt als für konventionell erzeugte Milch. In den anderen europäischen Ländern kostet Biomilch 5-10 Cent mehr, aber in Lettland ist sie billiger… Hier kann ich Agrarminister Didzis Šmits beipflichten, der sagte: „Wir müssen am anderen Ende ansetzen. Wir müssen erst die Nachfrage nach Bioerzeugnissen schaffen, dann folgt das Angebot von allein.“

Hat die Krise vom letzten Jahr dauerhafte Folgen für den Sektor – weniger Betriebe, geringere Viehbestände?

Die Viehbestände gehen seit 20 Jahren zurück und das Gleiche gilt für die Anzahl der landwirtschaftlichen Betriebe. Es ist jedoch interessant, dass die Gesamtmilchmenge nicht rückläufig ist. Das bedeutet, dass die kleinen und mittleren Höfe aufgeben, während die großen Betriebe effizienter werden. Der Rückgang geht zulasten der kleinen Betriebe.

Nach Erscheinen des Berichts des Wettbewerbsrat zu den Preisaufschlägen des lettischen Einzelhandels bei Nahrungsmitteln haben Sie im Frühjahr versucht, Lösungen zu finden, um die Preise für lettische und ausländische Erzeugnisse anzunähern und den Anteil einheimischer Produkte im Einzelhandel zu erhöhen. Sind Sie in dieser Frage vorangekommen?

Ich sehe keine Verbesserung der Situation und denke, dass es sogar noch schlimmer geworden ist. Ich verstehe die Einzelhändler ehrlich nicht. Wir leben und arbeiten alle im selben Land, wir zahlen Steuern und haben etwas davon, und deshalb sollten wir alle Patrioten dieses Landes sein. Vielleicht erinnern Sie sich, dass wir eine große Auseinandersetzung über die Kennzeichnung lettischer Erzeugnisse mit der lettischen Flagge bzw. ausländischen Flaggen bei Importen aus anderen Ländern hatten. Am Ende wurde im Parlament ein Kompromiss zu den Flaggen bzw. der Herkunftskennzeichnung erzielt, um das Recht der VerbraucherInnen zu gewährleisten, eindeutig zu wissen, was sie kaufen. Seit 1. September dieses Jahres müssen die Flaggen und die Kennzeichnung (des Herkunftslands) in den Geschäften angezeigt werden.

Noch besorgniserregender sind die Eigenmarken großer Einzelhändler wie zum Beispiel Rimi und Maxima, die zu den größten Supermarktketten in Lettland gehören. Was bedeutet zum Beispiel „Öl von Rimi“ oder „Qualitätshühnchen von Maxima“? Ich möchte wissen und eindeutig sehen, wer der eigentliche Produzent ist und aus welchem Land das Erzeugnis stammt, denn es ist offensichtlich, dass Rimi genauso wenig Öl herstellt wie Maxima Geflügel hält. Leider sind die VerbraucherInnen gezwungen, sich die Informationen auf dem Etikett oder einem Aufkleber zu suchen, wo der Erzeuger und das Ursprungsland oft in kleiner, nahezu unleserlicher Schrift angegeben sind. Für mich als Verbraucher wirkt dies irreführend und ist frustrierend.

Der Nationale Wettbewerbsrat hat uns mitgeteilt, dass lettische Erzeugnisse die höchsten Preisaufschläge im Einzelhandel haben. Ich verstehe zwar, dass Marktwirtschaften im Allgemeinen frei von staatlicher Einmischung sein sollten. Aber es ist absurd, dass wir unsere einheimische Produktion am teuersten machen, sodass die Menschen sie sich nicht mehr leisten können. Das ist einfach falsch. Ich weiß, dass das Wirtschaftsministerium an dem Thema arbeitet und plant, im Herbst eine Regelung einzuführen, die wir mit Spannung erwarten.

Ich sehe weiterhin exorbitante Preisaufschläge in den Supermärkten. Ich darf nicht öffentlich über Einzelheiten sprechen, weil es als Geschäftsgeheimnis gilt, aber ich kann sagen, dass sich die Preisaufschläge nicht nur auf 20-30% belaufen… Einige liegen in diesem Bereich und manche sind geringer. Es gibt aber auch Beispiele von Preissteigerungen in der Größenordnung von 80%, 100% und sogar 150%. Das ist wohl kaum vertretbar.

 

Auszug aus einem Interview der lettischen Presseagentur (LETA) mit Guntis Gūtmanis von LOSP (Lauksaimniecības organizāciju sadarbības padome) vom 17. August 2024

Zum Artikel in voller Länge in lettischer Sprache:
https://www.losp.lv/post/leta-intervija-ar-losp-valdes-priekšsēdētāju-gunti-gūtmani

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