Die Lage der europäischen MilcherzeugerInnen bleibt trotz weitreichender Lockerungen der Corona-Maßnahmen und beginnender gesamtwirtschaftlicher Erholung angespannt.
Im Folgenden finden Sie Informationen zu den landwirtschaftlichen Prioritäten der deutschen EU-Ratspräsidentschaft, zu den politischen Maßnahmen der EU-Kommission in den Mitgliedsstaaten sowie zur aktuellen Situation in Belgien, Dänemark, Deutschland, Frankreich, Irland, Italien, Litauen, Luxemburg, Norwegen, Portugal und der Schweiz.
Im Anschluss daran sehen Sie die aktuelle Marktsituation – erläutert an wichtigen Marktindikatoren wie dem Global Dairy Trade Index (GDT), dem Preis für Spotmarkt-Milch, die EU-Preise für Butter und Magermilchpulver sowie die Kurse für Futures auf Milcherzeugnisse an der European Energy Exchange (EEX).
Deutsche EU-Ratspräsidentschaft
Zum 1. Juli übernahm Deutschland turnusmäßig die Ratspräsidentschaft der Europäischen Union. Priorität für Bundesagrarministerin Julia Klöckner hat die Ausrichtung der Landwirtschaftspolitik an mehr Umwelt-, Klima-, und Tierschutzstandards. Letztere möchte sie durch ein neues Label stärken. Außerdem spielt die Corona-Pandemie weiter eine gewichtige Rolle. So möchte Klöckner daraus Schlussfolgerungen für die zukünftige Krisenfestigkeit ziehen.
EMB-Kommentar
Im Zuge der Corona-Pandemie hatten sich Milchproduzierende und manche Molkerei in den vergangenen Monaten bereit erklärt, durch eine koordinierte Mengenreduktion überschüssige Produktion zu verringern und so ein stärkeres Abrutschen der Preise zu verhindern. Denn im Gegensatz zum Einsatz der privaten oder staatlichen Lagerhaltung wird nichtbenötigte Milch damit gar nicht erst produziert, muss entsprechend nicht eingelagert werden und belastet nach Abklingen der akuten Krise den Markt nicht weiter.
Das EMB appelliert daher an die Politik, das temporäre Zurückfahren der Produktion als Teil eines zukünftigen Krisenmanagements in der EU zu installieren. Neben der dringend benötigten Stabilisierung des Milchsektors kann es insbesondere auch zu dem von der deutschen Agrarministerin hervorgehobenen Tierwohl sowie Umwelt- und Klimaschutz beitragen. Bis dato lässt die deutsche Ratspräsidentschaft allerdings noch keine Bemühungen erkennen, ungebremster Überschussproduktion Einhalt zu gebieten. Da Klöckner aber die Wichtigkeit einer lokalen und regionalen Nahrungsmittelproduktion betont, sollte sie sich hier zu passenden Instrumenten auf jeden Fall Gedanken machen. Eine sozial, ökologisch und wirtschaftlich nachhaltige Lebensmittelproduktion geht nur auf einem Markt, auf dem Angebot und Nachfrage nach qualitativ hochwertiger Milch bei einem vollkostendeckenden Preis zusammentreffen.
Maßnahmen der EU-Kommission
Unterstützung der privaten Lagerhaltung endete zum 30.6.2020
Zum 30. Juni 2020 endete die Antragsfrist für EU-Beihilfen zur privaten Lagerhaltung (Durchführungsverordnungen (EU) 2020/591, 2020/597, 2020/598). Vom 5. Mai 2020 bis zum Stichtag war die Einlagerung von rund 20.100 t Magermilchpulver, 67.700 t Butter sowie 47.700 t Käse unterstützt worden. Sieben Länder hatten ihr nationales Käsekontingent voll ausgeschöpft (Belgien, Irland, Spanien, Italien, Litauen, Schweden und das Vereinigte Königreich).
Hier die Mengen zur privaten Lagerhaltung in den EU-Mitgliedsstaaten.
COVID-19-Förderprogramm der EU
Die EU-Kommission veröffentlichte am 30. Juni 2020 zwei Projektaufrufe, um den Agrar- und Ernährungssektor in der COVID-19-Krise zu fördern. Mit insgesamt zehn Millionen Euro werden Werbemaßnahmen unterstützt, die den Absatz von landwirtschaftlichen Produkten fördern sollen. Diese Maßnahme richtet sich auch an den Milchsektor, der wegen einer raschen Nachfrageveränderung aufgrund der Schließung von Restaurants, Bars und Cafés als besonders betroffen angesehen wird.
Gefördert werden verschiedenste Werbeprojekte wie Print-, TV-, Online- oder Radiowerbung, aber auch Events, Messestände, Seminare oder Verkostungen. Mit einer Projektidee können sich u. a. Erzeugerorganisationen bis zum 27. August 2020 um eine Förderung bewerben.
Weitere Informationen über diese Fördermöglichkeit sowie die von der Kommission veröffentlichten Projektunterlagen finden Sie (auf Englisch) hier.
Informationen von unseren Verbänden in den einzelnen Ländern
Belgien
Seit Beginn des Jahres sinkt der Milchpreis in Belgien. Seit März liegt er unter der 30 Cent pro Liter Marke und betrug für den Monat Mai durchschnittlich 28,5 ct/l. Der Milchpreis ist jedoch nicht auf Interventionsniveau (22 ct/l) gesunken, wie noch im April von einigen Molkereien befürchtet.
Aufgrund der Trockenheit produzieren Kühe in Weidehaltung weniger Milch als Kühe in Stallhaltung.
Die EMB-Mitgliedsorganisation Flemish Milk Board hat 200 Liter faire Milch „Fairebel“ an den Genter Solidaritätsfonds gespendet. In der Corona-Zeit kocht dieser Zusammenschluss von Hilfsorganisationen Mahlzeiten für Bedürftige.
Luxemburg
In Luxemburg lag der Milchpreis für den Monat Mai bei 33,59 ct/kg. Es handelt sich hier um den niedrigsten Preis im Jahr 2020 (Januar bis April: zwischen 34,44 und 34,90 ct/kg).
38.537 t Kuhmilch wurden im Mai geliefert. Im Vergleich zur Vorjahresperiode entspricht dies einem Anstieg von 2.457 t (Mai 2019: 36.080 t).
Die Verkaufszahlen der Trinkmilch sind nach wie vor sehr hoch. In den letzten Monaten sind sich die Konsumenten aufgrund der Coronasituation der Bedeutung von regionalen und saisonalen Produkten verstärkt bewusst geworden. Dieser Trend führt sich auch jetzt fort.
Dänemark
Der Milchpreis beträgt im Juli 32,5 ct, das sind 0,5 ct weniger als im letzten Monat. Im Vergleich zum zweiten Quartal 2019 ist die Milchmenge um 0,5 % gesunken. Die Situation im Milchsektor bleibt mit einem niedrigen Milchpreis unverändert.
Auch Rindfleischproduzenten erhalten sehr niedrige Preise.
Italien
34 ct/l werden durchschnittlich für Rohmilch zur Produktion von gereiftem und halbgereiftem Käse gezahlt, während es für Frischmilch im Durchschnitt 36 ct/l sind.
Die Milchanlieferung ist stabil bzw. sinkt sogar leicht. Die Preise für gereiften und halbgereiften Käse gehen zurück. Nach dem anfänglichen Rückgang von 10 bis 15 % gab es im Vergleich zum April eine leichte Erholung der Milchpreise um etwa 1 ct/l.
Deutschland
Die Entwicklung bei den Milchpreisen ist uneinheitlich, ein Teil der Molkereien hat den Milchpreis weiter gesenkt, einige wenige haben ihn um bis zu 1 ct/kg erhöht. Die Milchpreisspanne reicht von 27 ct/kg bis zu 36 ct/kg, der Bundesdurchschnitt dürfte bei 30-31 ct/kg liegen. Die Milchanlieferung liegt aktuell 1,6 % über dem Vorjahresniveau.
Nach dem Absturz der Preise am Spotmilchmarkt auf 22-23 ct/kg sollen größere Molkereien die dort angebotenen Milchmengen aufgekauft und zu haltbaren Produkten verarbeitet haben. Das hat zu einem schnellen Anstieg der Preise auf etwas über 30 ct/kg für Spotmilch geführt und die Lage am Milchmarkt etwas entspannt. Die private Lagerhaltung ist nicht voll umfänglich genutzt worden.
Bei den Bäuerinnen und Bauern gibt es zweierlei Empfinden: Die einen sind froh, dass es nicht noch schlimmer gekommen ist, andere wiederum sehen mit Sorge das doch weit unter den Vollkosten liegende Milchpreisniveau und dessen weitere Entwicklung.
Im Milchbereich hat die Coronakrise, anders als im Schlachtbereich, zu keinen Verarbeitungsengpässen geführt. Auch der zu befürchtende Absturz der Milcherzeugerpreise auf das Interventionspreisniveau ist ausgeblieben. Allerdings mussten doch deutliche Milchpreiskürzungen hingenommen werden.
Litauen
In Litauen ist der Milchbeschaffungspreis im Mai im Vergleich zum April um 9,9 % auf 254 EUR/t (bei 4,13 % Fett und 3,35 % Eiweiß) gesunken. Im Juni und Juli wird ein sehr leichter Preisanstieg erwartet.
Die Anzahl Kühe in Litauen geht nicht mehr zurück, da der für Schlachtkühe gezahlte Preis derzeit sehr niedrig ist. Bereits vor den Eindämmungsmaßnahmen war der Milchbeschaffungspreis in Litauen der niedrigste. Jetzt ist er allerdings so tief, dass viele Milcherzeuger planen, die Milchproduktion aufzugeben. Im Rahmen der Coronakrise hat die litauische Regierung jedoch eine Beihilfe für Milcherzeuger in Höhe von 77 EUR pro Kuh genehmigt. Positiv ist auch, dass die günstigen Wetterbedingungen es den Landwirten ermöglichen, Futtermittel zu produzieren.
Irland
Der aktuelle Milchpreis in Irland reicht von 28 bis 32 ct/l bei 3,3 % Fett und 3,6 % Eiweiß. Die Preise für im Mai gelieferte Milch blieben weitgehend unverändert.
Die irische Milchabholung für Mai 2020 ist gegenüber Mai 2019 um 3,5 % gestiegen. Von Januar bis Mai ist sie um 4 % nach oben gegangen.
Im Mai gab es in vielen Regionen Irlands eine schwere Dürre. Die problematische Situation hat sich aufgrund der Regenfälle seit Mitte Juni etwas entschärft. Das Gras wächst wieder und das Wetter bewegt sich mit abwechselnd Sonnenschein und Schauern im normalen Bereich, was für das saisonale Produktionsmodell ideal ist.
Irland hat die Coronakrise bis dato relativ gut gemeistert. Es kam zu einer guten Zusammenarbeit zwischen der gesamten Milchindustrie, von den Landwirten über die Verarbeiter bis hin zu den Regierungsstellen und Ministerien. Somit gab es nur wenige Ausbrüche und Störungen in der Branche. Der Milchpreis fiel jedoch um 3 ct/Liter. Dies hat große Auswirkungen auf die Einnahmen der Milchbauern, da die Spitzenproduktion von April bis Juni stattfindet.
Frankreich
Je nach Molkerei schwankt der Milchpreis zwischen 31 und 36 Cent. Nach einem relativ trockenen Frühjahr liegt die Futterernte, abhängig von der Region, zwei bis drei Wochen vor dem Zeitplan. Die Erntevolumen sind gering.
Seit Juni finden ebenfalls wieder verstärkt Werbeaktionen in Supermärkten statt, was einen Preisrückgang bei Milchprodukten mit sich zieht.
Norwegen
Die Situation auf dem norwegischen Milchmarkt ist stabil. Der Milchpreis liegt bei circa 5 NOK (entspricht circa 47 Eurocent).
In Norwegen wurden die Milchquoten seit Ausbruch der Corona-Pandemie erhöht, unter anderem weil der grenzüberschreitende Handel vollständig zum Erliegen gekommen ist.
Schweiz
Der Milchpreis für Industriemilch liegt aktuell je nach Käufer zwischen 54 und 61 Rappen (entspricht circa 50 bis 57 Eurocent). Die Milchmengen entsprechen in etwa denen vom Vorjahr. Normalerweise steigt der Milchpreis im Juli, da 80.000 Kühe auf der Alm sind und die Hitze den Kühen etwas zusetzt. Im Juli und August wird rund 20 % weniger Milch angeliefert als im Mai.
Dieses Jahr steigt der Milchpreis (der aus einer Mischkalkulation entsteht) jedoch nicht. Der A-Preis im geschützten und gestützten Segment bewegt sich zwar auf einem besseren Niveau. Da aber der B-Preis abgestürzt ist (wegen gefallenem EU-Preis), ist der letztlich ausbezahlte Preis zum Teil sogar gesunken.
Die Schweiz muss 2020 erstmals seit langem wieder große Mengen Butter importieren. Es ist die Rede von bis zu 4.000 t. Die Milchproduzenten fordern zu Recht, dass dieser Buttermangel zu besseren Milchpreisen führen muss. Ihre Proteste finden jedoch wenig Gehör, was zu Frustration unter den Bauern führt.
Der Milchabsatz hat sich in der Krise etwas verlagert. Der Konsum von Frischmilchprodukten in Privathaushalten ist stark angestiegen, während die Nachfrage im Gastronomiesektor stark eingebrochen ist. Diese Umstellung hat die Molkereien vor große Herausforderungen gestellt, welche sie jedoch recht gut meistern konnten.
Es wurde sehr viel darüber geschrieben, wie wichtig die Arbeit der Bäuerinnen und Bauern in der Krise sei und dass jetzt diese Arbeit wieder viel mehr geschätzt wird. Von dieser gestiegenen Wertschätzung ist leider finanziell nichts bei den Milchviehbetrieben angekommen.
Portugal
Der Milchpreis im Mai betrug 30,04 ct/kg. Die größten Genossenschaften und Molkereien haben ihre Preise aufrechterhalten. Kleine Käsehersteller oder Genossenschaften, die mit Spotmilch für Käsereien arbeiten, haben ihren Preis um einen oder zwei Cent pro Kilo gesenkt.
Die ersten Monate der Gesundheitskrise waren weniger schwerwiegend als in den Nachbarländern. Nach der Eindämmung stieg aber die Zahl der neuen Coronafälle im Raum Lissabon an, was starke negative Auswirkungen auf den Tourismus, die nationale Wirtschaft und den Konsum von Milchprodukten hat.
Die Nachricht von der Ankunft einer großen Menge französischer Milch in Spanien besorgt uns sehr. Der portugiesische und der spanische Markt sind sehr eng miteinander verbunden. Daher kann der Import französischer Milch den Verkauf von portugiesischer Milch beeinträchtigen.
Marktindikatoren
Die Erholung beim Global Dairy Trade-Index zog in dieser Woche mit 8,3 % stark an (davor 1,9 % bzw. 0,1 %). Der Durchschnittspreis für italienische Spotmilch stieg im Juli im Vergleich zum Vormonat um 1 % auf 35,5 ct/kg (-22,15 % im Vergleich zu Juli 2019).
Der EU-27 Milchpreis hingegen gibt für Juni um weitere 0,9 % nach und wird auf 32,66 ct/kg geschätzt. Die EU-Butterpreise liegen bei 331 EUR/100 kg. Das bedeutet eine Zunahme von 7,1 % in den letzten 4 Wochen. Die Preise für EU-Magermilchpulver betragen aktuell 217 EUR/100 kg, womit sie wieder auf dem Wert von vor 4 Wochen angekommen sind.
Die Kurse für Futures auf Milcherzeugnisse an der European Energy Exchange (EEX) bewegen sich leicht abwärts. Die Kontrakte für Magermilchpulver für September fielen per 13.7. beispielsweise um 0,5 % auf 2.182 EUR/t im wöchentlichen Vergleich, für Butter fielen sie im selben Zeitraum um 3,7 % auf 3.430 EUR/t.
Maßnahmen zur Krisenbewältigung
Für Milcherzeuger und Milcherzeugerinnen in Europa sind Krisen leider nichts Unbekanntes. Die Politik auf EU-Ebene muss daher den freiwilligen Lieferverzicht mit Deckelung, orientiert am Marktverantwortungsprogramm (MVP), als effektives Instrument in ihr Maßnahmenrepertoire aufnehmen.
Dabei müssen folgende Punkte beachtet werden:
1. Eine Deckelung für Milcherzeuger, die nicht an dem Mengenreduktionsprogramm teilnehmen, ist absolut notwendig. Das bedeutet, dass für diejenigen, die während der Reduktionsphase ihre Produktion erhöhen, eine Strafabgabe eingeführt werden sollte.
Warum? Wenn die Milchproduktion nicht gedeckelt ist, können die positiven Effekte einer freiwilligen Mengenreduzierung nicht so stark greifen.
2. Damit auch ausreichend Milcherzeuger an dem Programm teilnehmen, sollte der Bonusbetrag pro Liter nicht-produzierter Milch ausreichend hoch sein.
- Als das Mengenreduktionsprogramm 2016/17 geschaltet wurde, hat die EU 14 Cent pro Kilogramm nicht gelieferter Milch gezahlt. Dieser finanzielle Anreiz ist jedoch nicht stark genug, um ausreichend Produzenten zur Teilnahme an dem Programm zu motivieren. Schon 2016/17 wurde daher beispielsweise in Frankreich auf nationaler Ebene entschieden, diesen Bonusbetrag zu erhöhen. Der Endbetrag der Bonuszahlung in Frankreich betrug damit 24 Cent für maximal 5 % Mengenreduktion (im Vergleich zur Vorjahresperiode).
Diesem Beispiel sollte unbedingt gefolgt werden, damit der Erfolg einer freiwilligen Mengenreduzierung sichergestellt wird.
Es ist wichtig, dass die EU handelt, um Marktverwerfungen gegenüber gewappnet zu sein. Nur durch die Aufnahme der temporären Mengenreduktion in ihr Kriseninstrumentarium, wie sie das MVP vorsieht, würden aus den zahlreichen Krisen die richtigen Lehren gezogen.

