Brüssel, 23.01.2017 – Wie eine bedrohliche Wolke breitet sich das Milchpulver über Europa und Afrika aus. Schwer lastet es auf beiden Erdteilen, drückt die sich hier gerade erholenden Milchpreise wieder auf Dumpingniveau herunter. – Die Landwirte des European Milk Board (EMB) demonstrieren heute in Brüssel gegen den Verkauf des EU-Interventions-Milchpulvers und für die Einführung eines regulären Kriseninstruments. Dazu haben sie die Umrisse von Europa und Afrika vor dem EU-Ratsgebäude auf den Boden gelegt. Von oben lässt ein Teleskoplader unaufhörlich Milchpulver regnen, das die beiden Kontinente bald vollkommen eindeckt. „Überall in Europa stecken die Milcherzeuger noch tief in der Krise“, wendet sich Sieta van Keimpema, Milchbäuerin und Vizevorsitzende des EMB, in einer Rede an die Minister sowie die Kommission der EU. „Jetzt den Druck noch zu erhöhen und das Milchpulver aus der Intervention auf dem Markt anzubieten, ist äußerst problematisch. Zwar haben Sie in den vergangenen Wochen extrem billige Preisangebote abgelehnt, was wir begrüßen – jedoch darf es auch in den kommenden Monaten keinen Verkauf des Interventions-Milchpulvers geben.“ Wie für Europa sei zudem auch für afrikanische Märkte die Überschwemmung mit billigem Milchpulver aus der EU katastrophal.
Leichte Markterholung dank freiwilligem Lieferverzicht darf nicht ausgehebelt werden!
Ende letzten Jahres hatte der freiwillige Lieferverzicht zu einer Erholung der Preise in Europa beigetragen. Doch mit aktuell rd. 32 Cent pro Liter Milch können die Kosten der Produktion von europaweit über 40 Cent noch nicht gedeckt werden. Die Preise müssen also weiter steigen, um endlich ein kostendeckendes Niveau zu erreichen. „Hier sehen wir, wie wichtig es ist, den Milchmarkt über intelligente Instrumente zu entlasten. Solche, die uns am Ende nicht wieder auf die Füße fallen“, bekräftigt van Keimpema die Forderung der europäischen Erzeuger. „Über ein Marktverantwortungsprogramm (MVP), das sich u.a. in Krisenzeiten auch auf einen freiwilligen Lieferverzicht inklusive Deckelung der EU-Produktion stützt, kann man schädliche Übermengen tatsächlich verhindern.“ Die Intervention – also das Herauskaufen und Lagern von Milchpulver oder Butter alleine – könne eine solche Entlastung jedoch nicht leisten. Denn diese Mengen würden ja immer noch weiter existieren und das dringend erforderliche Ansteigen der Milchpreise behindern. „Sicherlich kann Intervention helfen, zyklische Schwankungen auszugleichen und sollte daher nicht komplett aus dem Maßnahmenkatalog gestrichen werden. Der chronischen Krise am Milchmarkt hat sie allerdings nicht viel entgegenzusetzen“, so van Keimpema weiter.
Verkauf von Milchpulver stoppen! – Gesetz für Kriseninstrument erarbeiten!
Während es vor dem Ratsgebäude weiter massig Milchpulver schneit, bringt Erwin Schöpges, Milchbauer und belgisches Vorstandsmitglied des EMB, die Position der Milcherzeuger auf den Punkt. An die EU-Minister und die Kommission gewandt fordert er: „Stoppen Sie den aktuellen Verkauf des Interventions-Milchpulvers! Arbeiten Sie eine Gesetzesvorlage zur Installierung eines regulären Kriseninstruments aus und leiten Sie ihn an das Parlament weiter! Wir haben keine Zeit zu verlieren. Unsere Bauern sind dermaßen krisengeschüttelt, dass nur eine wirkliche Preiserholung und ein nachhaltig stabilisierter Markt die Milchproduktion flächendeckend in der EU halten können.“
Auch im Hinblick auf die afrikanischen Märkte sei eine ausbalancierte Milchproduktion in Europa wichtig. „Schluss mit Dumping von billigem EU-Milchpulver auf die Märkte von Entwicklungsländern! Wir wollen, dass die Milchproduktion in Afrika eine Chance hat und die Menschen dort daraus auch ein Einkommen erwirtschaften können“, betont Schöpges mit Blick auf das Milchpulver, das sich auch auf der Afrikakarte vor dem Ratsgebäude immer weiter anhäuft.
Marktverantwortungsprogramm – MVP
Das MVP ist ein Programm für den EU-Milchsektor, das zum Einsatz kommt, wenn der Milchmarkt aus dem Gleichgewicht zu geraten droht. Eine Kombination aus Marktbeobachtung und -reaktion ermöglicht es, drohende Krisen zu erkennen und in einem 3-Stufen-Programm auf sie zu reagieren.
Krisen erkennen – Marktindex
- Über einen Marktindex, der sich aus der Entwicklung von Produktnotierungen, Milchpreisen und Erzeugungskosten (Marge) zusammensetzt, können Krisen antizipiert werden.
- Liegt der Index über 100, decken die Preise die Produktionskosten – der Markt ist stabil, es besteht kein Handlungsbedarf. Fällt der Index unter die Schwelle von 100, liegt keine Kostendeckung vor. Ist die Kostenunterdeckung zu groß, wird das Marktverantwortungsprogramm gestartet.
Reaktion auf Krisen – Einsatz des MVP
Die Anwendung des MVP ist in 3 Stufen vorgesehen.
1. Frühwarnung (Absinken des Index um 7,5 %)
- Monitoringstelle spricht Frühwarnung aus
- Öffnung der privaten Lagerhaltung
- Anreizprogramme für zusätzlichen Verbrauch wie Vollmilchkalberzeugung
Milchmast von Färsen, etc. - Stufe bleibt solang erhalten, bis sich Index wieder bei 100 befindet
2. Krise (Absinken des Index um 15 %)
- Krise wird von der Monitoringstelle offiziell festgestellt und bekannt gegeben
- Zentrale Elemente des Marktverantwortungsprogramms werden gestartet
- Bezugszeitraum wird festgelegt
- Ausschreibung Lieferverzicht (mind. 5 %), Bonus für Produktionsreduktion
- Marktverantwortungsabgabe für steigernde Betriebe ab dem ersten Kilogramm
3. Phase Obligatorische Kürzung (Absinken des Index um 25 %)
- Allgemeinverbindliche Rückführung der Milchanlieferung um 2–3 % für einen definierten Zeitraum, zum Beispiel 6 Monate
Ende der Krise – Aufhebung der Krisenmaßnahmen
Entwickelt sich der Index wieder in Richtung 100 Punkte und sind die Prognosen der Monitoringstelle für den weiteren Marktverlauf positiv, so kann die Krise für beendet erklärt werden. Zu diesem Zeitpunkt enden sämtliche produktionsbeschränkende Maßnahmen. Eingegangene Verpflichtungen auf freiwilliger, vertraglicher Basis enden vereinbarungsgemäß.
Mehr Details zum MVP finden Sie hier
Kontakte:
EMB-Vizepräsidentin Sieta van Keimpema (DE, EN, NL): +31 (0)6 1216 8000
EMB-Vorstandsmitglied Erwin Schöpges (DE, FR): +32 (0)497 90 4547
EMB-Pressestelle Silvia Däberitz (DE, EN, FR): +32 (0)2808 1936 <link file:5647 download herunterladen der datei>


