Für die europäischen Milcherzeuger fallen die bereits mehrere Wochen andauernden Auswirkungen des Coronavirus nun mit dem Höhepunkt der Milchproduktion im Frühjahr zusammen.
Im Folgenden finden Sie Informationen, inwieweit die politischen Maßnahmen der EU-Kommission in den Mitgliedsstaaten genutzt werden sowie zur aktuellen Situation in Belgien, Dänemark, Deutschland, Frankreich, Irland, Italien, Lettland, Litauen, Portugal und der Schweiz.
Im Anschluss daran sehen Sie die aktuelle Marktsituation – erläutert an wichtigen Marktindikatoren wie dem Global Dairy Trade Index (GDT), dem Preis für Spotmarktmilch sowie die EU-Preise für Butter und Magermilchpulver.
Politische Maßnahmen der EU-Kommission
EU-Mitgliedsstaaten greifen auf private Lagerhaltung zurück
Mit 5. Mai 2020 wurde die private Lagerhaltung von Magermilchpulver, Butter und Käse geöffnet. Die Mitgliedsländer haben bisher die Einlagerung von knapp 4.800 t Magermilchpulver, 31.000 t Butter und rund 38.000 t Käse beantragt. Fünf Länder haben ihr nationales Käse-Kontingent bereits ausgeschöpft (Irland, Spanien, Italien, Schweden und Vereinigtes Königreich).
Hier die aktuellen Mengen zur privaten Lagerhaltung in den EU-Mitgliedsstaaten:
https://circabc.europa.eu/sd/a/aacdfe67-6e5e-4f84-8f3a-b61b10f38d42/PSA-covid19.pdf
Informationen von unseren Verbänden in den einzelnen Ländern
Belgien
Der Milchpreis liegt zwischen 27 und 28,5 Cent/Liter.
Dänemark
Arla Foods hat in diesem Jahr Preise zwischen 32,3 und 33,3 Cent/Liter.
Deutschland
Für die Aprilmilch haben viele Molkereien die Preise zwischen 1 und 3 Cent gesenkt, wobei 3 Cent die Ausnahme waren. Im Bundesdurchschnitt dürfte der Milchpreis bei 31,5 Cent/Kilogramm liegen.
Die von der Europäischen Kommission eingeräumten Maßnahmen zur Mengenplanung wurden in Deutschland bisher von keiner Erzeugerorganisation umgesetzt.
Momentane Position vieler deutscher Politiker ist, dass die „Branche“ ihre in der Sektorstrategie 2030 beinhalteten Krisenmaßnahmen (Fest-, Mehrpreismodelle, Nutzung Warenterminbörsen etc.) nun anwenden müsste. Außer der privaten Lagerhaltung wurden keine weiteren Maßnahmen angekündigt, außer natürlich die Möglichkeit, Corona-Hilfsprogramme (Zuschüsse, Darlehen, Kurzarbeitergeld etc.) in Anspruch zu nehmen.
Frankreich
Der Basispreis liegt zwischen 29,5 und 34,5 Cent/Liter mit leicht steigender Tendenz. Die französische Branchenorganisation CNIEL hat einen Betrag von 10 Millionen Euro freigegeben, um Milchbauern zu ermutigen, ihre Milchproduktion zu reduzieren. Milcherzeuger erhalten 32 Cent/Liter nicht produzierter Milch. Diese Maßnahme gilt jedoch nur für eine Reduzierung von 2 bis 5% im Vergleich zum Vorjahr.
Irland
Der Milchpreis ist durchschnittlich für die Monate März und April um 3 Cent/Liter gesunken und liegt zwischen 28 und 30 Cent/Liter. Irland erreicht derzeit den Höhepunkt der Milchproduktion. Das Käse-Kontingent der privaten Lagerhaltung wurde bereits ausgeschöpft. Butter und Magermilchpulver werden auch eingelagert.
Italien
Aktueller Durchschnittspreis liegt bei 33-35 Cent/Liter. Im Vergleich zu Februar ist der Preis um 20% gesunken. Die Möglichkeit für Branchenverbände und Erzeugerorganisationen, die Produktion zu planen, wurde in Italien nicht umgesetzt. Die COPAGRI und APL sind in Kontakt mit der nationalen und lokalen Regierung sowie mit weiteren landwirtschaftlichen Organisationen, um eine EU-weite Mengenreduzierung nach vorne zu bringen.
Lettland
Der durchschnittliche Milchpreis in Lettland lag im April bei 28,4 Cent/Kilogramm, was einen Rückgang von 7,5% im Vergleich zum Vormonat bedeutet (30,7 Cent/Kilogramm). Prognostizierter Milchpreis für Mai liegt bei 25,9 Cent/Kilogramm.
Litauen
Der durchschnittliche Milchpreis für April liegt bei 28,2 Cent/Kilogramm. Im Vergleich zum Vormonat entspricht dies einem Rückgang von 9,2%.
Für die Monate April und Mai ist staatliche Unterstützung in Höhe von ungefähr 77 Euro pro Milchkuh geplant. Die Maßnahme muss jedoch noch mit der Europäischen Kommission abgestimmt werden. Ab Juni ist eine nationale Unterstützung für die Molkereien geplant, um die erlittenen Verluste im Zusammenhang mit dem Export auszugleichen. Diese Maßnahme ist allerdings mit einer Bedingung verbunden: Die Molkereien verpflichten sich, den Milcherzeugern den Durchschnittspreis des jeweiligen Monats 2017-2018 zu zahlen. Auch diese Maßnahme wurde noch nicht genehmigt.
Portugal
Der Milchpreis für März liegt bei 30,4 Cent/Kilogramm. Größere Genossenschaften und Molkereien zahlen weiter den gleichen Preis, kleinere Genossenschaften kündigen eine Senkung um 1,5 bis 2 Cent/Kilogramm für Mai und Juni an. Portugal hat auf die private Lagerhaltung von Magermilchpulver und Butter zurückgegriffen. Die Möglichkeit für Branchenverbände oder Erzeugerorganisationen, die Produktion zu planen, wurde nicht ergriffen. In einem Bericht des Landwirtschaftsministeriums wird darauf hingewiesen, dass Hersteller von Schaf- und Ziegenkäse keine Absatzmöglichkeiten finden, da der Gastronomiesektor sowie Märkte geschlossen sind. Solche Qualitätsprodukte werden auch nicht vorrangig von Familien eingekauft.
Schweiz
Der Milchpreis ist auch im Mai weiter gesunken. Als Grund wurde der schlechte Preis für Magermilchpulver in der EU angegeben. Die Milchpreise sind aber nur leicht unter dem üblichen Niveau für den Frühling. Corona hat hier eher wenig Einfluss im Vergleich zu den umliegenden Ländern. Einiges konnte kompensiert werden, da die Leute bewusst Schweizer Produkte im Laden kaufen, der Einkaufstourismus wegfällt, und der Milchpreis für den Detailhandel besser ist als im Gastro-Bereich.
In der Schweiz wird seit längerem ein Rückgang in der Milchmenge, welchen die Verarbeiter nicht haben kommen sehen und auch nicht wahr haben wollen, beobachtet. Entsprechend werden keine Aufrufe zur Mengenreduktion gemacht. Im Gegenteil werden sogar die Butterimporte teilweise mit der sinkenden Menge begründet.
Marktindikatoren
In der EU ist die produzierte Milchmenge von Januar bis März 2020 um 2,8 % im Vergleich zum Vorjahreszeitraum gestiegen. Der EU-27 Milchpreis für April gibt um weitere 0,5% nach und wird auf 34,23 ct/kg geschätzt.
Die EU-Butterpreise liegen bei 295 €/100 kg. Das bedeutet eine Zunahme von 2,6% in den letzten 4 Wochen. Die Preise für EU-Magermilchpulver betragen aktuell 203 €/100 kg, was einen Anstieg von 4,1% in den letzten 4 Wochen bedeutet.
Eine leichte Erholung von 1% lässt sich beim Global Dairy Trade-Index feststellen (davor -4,2% bzw. -0,8%). Der Durchschnittspreis für italienische Spotmilch stieg im Mai im Vergleich zum Vormonat auf 31,13 ct/kg (-19,7% im Vergleich zu Mai 2019).
Die Kurse für Futures auf Milcherzeugnisse an der European Energy Exchange (EEX) bewegen sich kaum. Die Kontrakte für Magermilchpulver für August stiegen per 26.5. beispielsweise um 0,4 % auf 2.235 €/t im wöchentlichen Vergleich.
Maßnahmen zur Krisenbewältigung
Es muss nun von der Politik auf EU-Ebene der freiwillige Lieferverzicht mit Deckelung, orientiert an dem Marktverantwortungsprogramm (MVP), geschaltet werden.
Dabei müssen folgende Punkte beachtet werden:
1. Eine Deckelung für Milcherzeuger, die nicht an dem Mengenreduktionsprogramm teilnehmen, ist absolut notwendig. Das bedeutet, dass für diejenigen, die während der Reduktionsphase ihre Produktion erhöhen, eine Strafabgabe eingeführt werden sollte.
Warum? Wenn die Milchproduktion nicht gedeckelt ist, werden die positiven Effekte einer freiwilligen Mengenreduzierung nicht so stark greifen können.
2. Damit auch ausreichend Milcherzeuger an dem Programm teilnehmen, sollte der Bonusbetrag/Liter nicht-produzierter Milch ausreichend hoch sein.
- Als das Mengenreduktionsprogramm 2016/17 geschaltet wurde, hat die EU 14 Cent pro Kilogramm nicht gelieferter Milch gezahlt. Dieser finanzielle Anreiz ist jedoch nicht stark genug, um ausreichend Produzenten zur Teilnahme an dem Programm zu motivieren. Schon 2016/17 wurde daher beispielsweise in Frankreich auf nationaler Ebene entschieden, diesen Bonusbetrag zu erhöhen. Der Endbetrag der Bonuszahlung in Frankreich betrug damit 24 Cent für maximal 5% Mengenreduzierung (im Vergleich zur Vorjahresperiode).
Diesem Beispiel sollte unbedingt gefolgt werden, damit der Erfolg einer freiwilligen Mengenreduzierung sichergestellt wird.
Es ist nun wichtig, dass die EU jetzt handelt, um die aufkommenden Probleme wirksam zu lösen. Es besteht eine gute Chance, dass dadurch verhindert wird, dass der Milchsektor in eine sehr schwere Krise gerät. Die richtige Maßnahme sollte jetzt aktiviert werden.

