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Aktuelle Entwicklungen in Europa im Zuge der Coronakrise

Die Situation im Milchsektor verschärft sich zunehmend. In den kommenden Wochen ist mit einem saisonalen Produktionsanstieg zu rechnen, da die Kühe von den Ställen auf die Weiden gebracht werden.

Im Folgenden finden Sie Informationen zu den aktuellen politischen Maßnahmen der EU-Kommission sowie zur aktuellen Situation in Belgien, Däne-mark, Deutschland, Frankreich, Irland, Italien, Lettland, Litauen, den Niederlanden und Schweden.

Im Anschluss daran sehen Sie die aktuelle Marktsituation – erläutert an wichtigen Marktindikatoren wie dem Global Dairy Trade Index (GDT), dem Preis für Spotmarktmilch sowie die EU-Preise für Butter und Magermilchpulver.

 

Politische Maßnahmen der EU-Kommission

Maßnahmenpaket EU-Kommission: 30 Millionen Euro für private Lagerhaltung
Die EU-Kommission hat am 22. April Krisenmaßnahmen für den Agrarsektor angekündigt. Insgesamt werden für die private Lagerhaltung von Magermilchpulver, Butter und Käse 30 Millionen Euro zur Verfügung gestellt.

Sechs Millionen Euro sind an Beihilfen für die Lagerhaltung von 90.000 t Magermilchpulver vorgesehen. Für die Einlagerung von 140.000 t Butter sind 14 Millionen Euro geplant. Weitere zehn Millionen Euro sollen für die Einlagerung von 100.000 t Käse bereitstehen. Die Einlagerungszeiten sollen mindestens zwei Monate bis maximal sieben Monate betragen.

Erzeugerorganisationen können Milchproduktion planen
Das Hilfspaket der EU-Kommission sieht auch vor, dass anerkannte Erzeugerorganisationen und Branchenverbände gemäß Artikel 222 der Gemeinsamen Marktorganisation gemeinsame Vereinbarungen treffen können, um die Milchproduktion zu planen. Die Ausnahmeregelung wäre auf sechs Monate befristet.

Kommentar EMB: Die EU-Kommission hat aus den vergangenen Krisen nichts gelernt! Die Vergangenheit hat gezeigt, dass die private Lagerhaltung als Kriseninstrument ungeeignet ist, da nicht an der Milchmenge angesetzt wird. Ebenso wurde die Maßnahme der freiwilligen Produktionsplanung durch Erzeugerorganisationen und Branchenverbände (Artikel 222) bereits 2016 ohne Erfolg durchgeführt. Das Problem ist hier, dass die Mengensteuerung nicht auf EU-Ebene koordiniert wird, wodurch der gesamte Markt nicht entlastet werden kann.
 
Forderung nach EU-weitem Lieferverzicht
Neben der Forderung nach einer freiwilligen Mengenreduktion auf europäischer Ebene von Politikern, einigen Molkereien, Denkfabriken, zahlreichen Erzeugerorganisationen etc. wurde von politischer Seite auch der Ruf nach einem obligatorischen Lieferverzicht laut. 14 Abgeordnete des EU-Parlaments forderten Agrarkommissar Wojciechowski im April auf, eine verpflichtende Mengenreduktion umzusetzen.

 

Informationen von unseren Verbänden in den einzelnen Ländern

Belgien/Wallonie

Die Milchpreise für März wurden bereits von einzelnen Molkereien gesenkt: LDA hat um 2,50 ct/l reduziert auf 30 ct. Arla hat um 1,04 ct reduziert auf 31,58 ct. Einschätzung, dass die anderen Molkereien folgen werden. LDA hat bereits angekündigt, dass die Milchpreise auf 22 ct sinken könnten, falls die Krise anhält.
 
Die regionalen Agrarminister Belgiens haben Agrarkommissar Wojciechowski aufgefordert, EU-weite Maßnahmen zur Stabilisierung des Marktes zu aktivieren, u.a. auch eine zeitlich beschränkte freiwillige Mengenreduktion.
 
Belgien/Flandern
Die Preise sind um 1,5 ct von 31,5 auf 30 ct gesunken. Auf politischer Ebene sind unterschiedliche Forderungen von Mengenreduktion bis hin zu Lagerhaltung zu vernehmen.


 
Dänemark
Der Preis für konventionelle Arla-Milch bester Qualität liegt bei 33,4 ct (4,2 % Fett, 3,4 % Eiweiß). Die Preise für April bleiben gleich, weitere Prognosen sind noch nicht verfügbar. Arla bezeichnet die Situation als "angespannt".
 
Seitens der Politik wurden keine Maßnahmen für den Milchsektor angekündigt. Eine kleine Bio-Molkerei, die auf die Produktion von Milch und Butter für Catering spezialisiert ist, hat Senkungen bei Milchpreisen und Gehältern angekündigt. Die Rindfleischpreise sind gesunken, und vor allem die Kalbfleischerzeuger haben um Unterstützung gebeten.


 
Deutschland
Der Milchpreis für März liegt im Bundesschnitt bei rund 32 ct/kg, einige Molkereien haben noch leicht erhöht, einige abgesenkt. Für die kommenden Wochen wird ein deutlicher Rückgang erwartet, jedoch unterschiedlich je nach Ausrichtung der jeweiligen Molkerei. Bisher haben nur wenige Molkereien ihre Mitglieder bzw. Milchlieferanten gebeten, weniger Milch anzuliefern.  Die Molkerei Ammerland hat das in 2016 eingesetzte Mengenbegrenzungsprogramm (ohne Deckelung) vorgeschlagen.
 
Die Bundesagrarministerin hat die Öffnung der privaten Lagerhaltung gefordert und die Molkereiunternehmen aufgefordert, je nach Lage die Milchanlieferung entsprechend anzupassen. Ob das mit Zweipreismodellen oder konkreten Mengenmodellen geschieht, ist für sie zweitrangig.
Auf Ebene der Länderministerinnen und –minister haben sich bei einer Agrarministerkonferenz 10 Minister für eine entschädigungslose für alle verbindliche Mengenkürzung in Krisenphasen ausgesprochen. Für entsprechende Ausgleichsleistungen/Entschädigung bei freiwilligem Lieferverzicht sieht das Bundesministerium keine verfügbaren Haushaltsmittel vor. Der Agrarhaushalt sei vollkommen ausgereizt, der zur Verfügung stehende Krisenfonds dürfe nicht nur für den Milchsektor verplant werden.
 
Frankreich
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Situation in Frankreich hinsichtlich der zukünftigen Preise sehr heterogen ist. Laut dem französischen Institut IDELE (Institut de l'élevage) ist im zweiten Quartal aufgrund der stark fallenden Butter- und Milchpulverpreise ein Preisrückgang von 2-3 ct/l zu erwarten.
Insgesamt scheint jede Molkerei jedoch individuell zu agieren, die Situation der Bauern wird sich entsprechend unterschiedlich entwickeln.



Irland
Die Milchpreise für März sind um 2 ct/l gesunken. Sie liegen zwischen 29 und 31 ct/l und werden im April und Mai voraussichtlich weiter nachgeben. Die irischen Verarbeiter kommen zurzeit noch gut mit der Verarbeitung von Milch zurecht. Es ist eine sehr besorgniserregende Zeit für alle Beteiligten in der Branche.
 
Für den Milchsektor sind keine direkten Maßnahmen vorgesehen. Die Regierung stellt aber einige Sozialleistungen zur Verfügung, wenn Landwirte infolge von Covid-19 die Arbeit einstellen müssen oder stark betroffen sind. Seitens der Regierung wird eine Beihilfe für die private Lagerhaltung begünstigt.


 
Italien
Der Milchpreis in Italien ist um 10-15 % gesunken und liegt derzeit bei 34-35 ct/l. Eine Marktprognose ist nicht möglich, da sich die Situation von Woche zu Woche ändert.


 
Lettland
Der Milchpreis ist aktuell um 2-5 ct/l gesunken, also um rund 10-15 % im Vergleich zu Ende März. Es ist zu befürchten, dass es weitere Einbrüche geben wird.
 
Der Landwirtschaftsminister kündigt Maßnahmen für den Milchsektor an, allerdings wären diese finanziellen Hilfen (86 €/Kuh) von den Verlusten der letzten drei Monate abhängig und würden de facto nichts bringen.
Die Rohmilchmenge im März ist im Vergleich zum Vorjahresmonat um 2,5 % zurückgegangen. Auch die Zahl der Milchkühe ist weiter rückläufig. Waren im März 2019 noch 143.440 Milchkühe registriert, so gab es im März dieses Jahres 137.695 Milchkühe, also 4 % weniger.


 
Litauen
Die Milchpreise wurden zum 1. April um 2-5 ct/kg, d. h. um bis zu 20 % gesenkt, während zum 16. April eine weitere Senkung um 1-2 ct beschlossen wurde.
Der litauische Milcherzeugerverband LPGA ist mit dem Landwirtschaftsminister und dem Premierminister in Kontakt.
Die Molkereien beschweren sich, dass der Export von Lebensmitteln zum Erliegen gekommen ist. Wir stellen fest, dass der Umsatz und die Preise von Milchprodukten jedoch nicht gesunken sind.



Niederlande
Der Milchpreis von FrieslandCampina ist im April um 1,25 ct gesunken und liegt bei 35 ct (4,42 % Fett, 3,57 % Eiweiß). DOC zahlt 33,75 ct, die übrigen Molkereien liegen zwischen diesen Preisen. Die Milchabholung wird laut unseren Informationen noch überall in den Niederlanden durchgeführt.
 
Die Milchnotierungen für Butter, Milchpulver und Käse sind stark gefallen, und sowohl die NZO (Milchindustrie) als auch die RABO-Bank sorgen sich, dass die Milchkrise noch lange anhalten kann. Die RABO-Bank spricht davon, dass die Preise um mehr als 30 % sinken werden.
 
Der niederländische Milcherzeugerverband NMV setzt sich für das Marktverantwortungsprogramm ein. Auch in der Agrarpresse wird Mengenreduktion versus Intervention diskutiert. Die Landwirtschaftsministerin hat bis jetzt noch keine Maßnahmen für den Milchsektor ergriffen.


 
Schweden
Der Milchpreis beträgt aktuell rund 3,60 Kronen pro Kilogramm (umgerechnet 33 ct/kg). Prognosen für die Zukunft sind laut Arla schwer einzuschätzen.
Zurzeit sind keine Maßnahmen seitens der Regierung für den Milchsektor geplant.

 

Marktindikatoren

Der Global Dairy Trade-Index ging in dieser Woche um ganze 4,2 % zurück, nachdem er seit Anfang Februar bereits vier Wochen hintereinander stark abgefallen war.

Auf dem italienischen Spotmilchmarkt brechen die Preise scharf ein. Der Durchschnittspreis für April sank um 9,8 % im Vergleich zum Vormonat und liegt nun bei 30,6 €/100kg. Im Vergleich zu April 2019 ist das ein Abfall von 21,7 %.
 
Die EU-Preise für Magermilchpulver und Butter geben ebenfalls in Folge nach. Der Preis für Magermilchpulver sank in der vergangenen Woche um weitere 2,6 % auf 191 €/100kg. In der Vorwoche war bereits ein Preisabfall von 3,4 % zu verzeichnen. Die Butternotierungen betragen aktuell 295 €/100kg. Das bedeutet einen weiteren Rückgang von 1,6 % seit der Vorwoche.