„Wir müssen eine Mengenreduzierung erreichen, damit die Milchpreise wieder steigen – mit aller Kraft.“
1) In Frankreich finden seit drei Wochen Aktionen statt....Molkereien werden blockiert, Tankwagen gestoppt und Supermärkte belagert. Was passiert da?
Um auf diese Frage zu antworten muss ich zunächst beschreiben, was Anfang Mai geschah. Es fanden die Milchpreisverhandlungen zwischen Milchindustrie und dem Milchzweig des Bauernverbandes statt. Am Ende stand zum ersten Mal kein Ergebnis und schon am Tag darauf kündigten die Molkereien Milchpreise um 21 Cent (3,8% Fett und 3,2% Eiweiss) an. Einige von ihnen, mit einem hohen Anteil an Industrieprodukten gingen sogar auf 19 Cent runter. Das war in Frankreich immer undenkbar gewesen. Im Januar bekamen die Milcherzeuger noch 32 Cent und im März waren es noch 30 Cent. Und nun das. Die Wut der Bauern war groß und entlud sich rasch in Aktionen.
2) Was für Aktionen sind das und welche Ausdehnung haben sie?
Der Bauernverband rief zunächst zu den Aktionen auf; doch schon bald hörten die Mitglieder nicht mehr auf die Direktiven der Funktionäre. Sie beendeten Aktionen nicht auf Zuruf und ergriffen andere Maßnahmen als von Paris aus vorgeschlagen. Ein Beispiel aus meiner Region: 50 Milchtankwagen wurden 5 Tage lang in einem Dorf festgehalten, so dass die Milch vieler Milcherzeuger tagelang nicht mehr abgeholt wurde. Andere Aktionen visieren auch die Supermarktketten. Milcherzeuger gehen in die Filialen und verhängen die Regale mit der billigen Milch mit einer Folie mit der Aufschrift „Berühren verboten“. Teilweise stießen sie dabei auf Widerstand von Seiten der Geschäftsleitung. In diesen Fällen nahmen die Bauern die Milch des gesamten Regals mit und verließen den Supermarkt ohne zu bezahlen. Die Aktionen sind in ganz Frankreich, aber im Westen ist die Auseinandersetzung am härtesten.
3) Wie hat Ihr Verband, die OPL auf die Milchpreissenkung reagiert?
Wir haben ebenfalls zu Aktionen aufgerufen, oft in Zusammenarbeit mit der Confédération Paysanne und der APLI (Association des Producteurs de lait indépendants). Am 25.5. beispielsweise als in Brüssel die große EMB-Kundgebung stattfand sind etwa 400 Milcherzeuger nach Brüssel gefahren, und die anderen haben bei einer großen Demonstration in Rennes mit Kollegen der beiden anderen Verbände ihre Forderung nach einer flexiblen Mengenregulierung verkündet. Regional gab es viele einzelne Aktionen vor Molkereien und auch vor den Präfekturen, denn aus unserer Sicht braucht es politische Rahmenbedingungen, um die Milchpreise wieder auf ein kostendeckendes Niveau steigen zu lassen. Und natürlich ist der Milchstreik ständig Thema und wir haben Mühe, unsere Leute zurückhalten, die teilweise sofort beginnen wollen. Ihnen steht bei diesen Preisen das Wasser bis zum Hals. 3000€ verliert der französische Durchschnittsbetrieb im Vergleich zum Vormonat.
4) Seit Mittwoch gibt es nun ein neues Milchpreisabkommmen....
Dieses Abkommen ist das Papier nicht wert, auf dem es geschrieben wurde. 28 Cent Jahresdurchschnittspreis für 2009! Nachdem wir in den ersten drei Monaten um 32 Cent hatten kann man sich ja ausrechnen, was das Abkommen für die Preise im Rest des Jahres bedeuten muss. Hinzu kommt, dass Molkereien, die einen hohen Anteil an Industrieprodukten wie Milchpulver und Blockbutter herstellen, auf bis zu 26,2 Cent Jahresdurchschnitt runtergehen können. Die zusätzlichen 30 Millionen von Minister Barnier bedeuten aufs Jahr und alle Milcherzeuger umgerechnet ganze 0,13 Cent / Liter!
5) Was wird die OPL nun tun?
Die Wut der Bauern über dieses Abkommen ist gross und die Austritte aus dem Bauernverband zahlreich. Die Milcherzeuger machen spontane Aktionen, fordern den Milchstreik als letztes Mittel.
Doch es ist ganz klar, dass wir ein europäisches Problem haben. Es muss Druck auf die EU-Kommission und die EU-Agrarminister ausgeübt werden, damit diese die Quote für 2009 senken und den Einstieg in eine flexible Mengenregulierung schaffen. Das können wir nur erreichen, wenn wir Milcherzeuger in Europa gemeinsam agieren. Entscheidend ist für uns deshalb die Mitgliederversammlung des EMB Anfang Juli; dort muss sich zeigen, ob die anderen EMB-Länder mit für einen Milchstreik entscheiden.
6) Was bedeutet das für Ihre Arbeit in Frankreich in den kommenden Wochen?
Wir werden sicher weiterhin Aktionen verschiedenster Art machen, die sowohl die Molkereien, als auch Supermärkte und Politik anvisieren. Als nächste große Aktion sollen die Autobahnen im ganzen Land blockiert werden. Es muss deutlich werden, dass die Milcherzeuger mit diesen Preisen nicht überleben können und dass es rasch entsprechende politische Entscheidungen braucht, damit die Preise steigen. Die französischen Milcherzeuger können jetzt nicht zu Hause bleiben, sie müssen etwas tun. Als OPL werden wir zusätzlich Informationsveranstaltungen machen, auch in Kooperation mit der APLI, um die Zusammenhänge zu erklären und uns bereit zu machen, für einen Streik.
7) Ist der Streik das einzige Mittel, das bleibt?
Wir haben den Eindruck, dass ja. Doch das Ultimatum des EMB ist gestellt, die Politik hat Zeit zu handeln. Unsere Positionen sind klar: die Quoten müssen für 2009 gekürzt werden und das Angebot so an die Nachfrage angepasst werden. Die Mengenreduzierung ist der Weg zum höherem Preis. Zusätzlich braucht es auch in Zukunft Rahmenbedingungen, denn das, was in Frankreich jetzt angedacht ist - Verträge zur Menge und Qualität zwischen Landwirt und Molkerei ohne Angabe eines Preises – ist völlig inakzeptabel. Bei einem Milchstreik, da ist der Milcherzeuger Herr über sein Produkt, er öffnet den Hahn aus freien Stücken und entscheidet, seine Milch nicht mehr zu liefern. Der Streik ist ein krasses Mittel, aber das Prinzip, dass der Milchbauer sein Produkt und die Wertschöpfung, die er daraus zieht in der Hand hat, das müssen wir absichern. Damit die Milchbetriebe eine Zukunft haben.

